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Thesen zum Protestantismus
(verabschiedet durch die Landessynode im Mai 2004)

Das Wort "protestantisch/Protestantismus" erinnert an den Speyerer Reichstag 1529. Damals  "protestierten" sechs Fürsten und 14 Reichsstädte gegen den Beschluss der Mehrheit, die evangelische Predigt und Lehre im Sinne Martin Luthers einzuschränken. In den Jahrhunderten seither hat "protestantisch/Protestantismus" viele Wandlungen durchlaufen. Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, dieses Erbe der Geschichte immer neu dem Vergessen zu entreißen.
Deshalb hebt unsere Synode drei bleibende Anliegen des Protestantismus hervor:

I: Protestantismus heißt Freiheit aus Gottes Wort


Gott will uns Menschen in die Freiheit führen: in die Freiheit zum Glauben, zum Lieben, zum Hoffen – in die Freiheit zum verantwortlichen Handeln. Aber Freiheit braucht auch Bindung, ein Fundament und eine immer neue Stärkung. Als Protestantinnen und Protestanten betonen wir: Gottes Wort ist die unverzichtbare Quelle der Freiheit.
    Darum treten wir u.a. ein:


  • für eine mündige und verantwortliche Lebensgestaltung aus dem Evangelium,
  • für ganzheitliche Bildungs- und Erziehungsprozesse, die zu eigenem Urteil befähigen und nicht nur ökonomischer Nutzanwendung dienen,
  • für eine Kommunikation, die den Streit um die Wahrheit in gegenseitiger Achtung führt,
  • für den öffentlichen Schutz des Sonntags und der Feiertage.
    Darum protestieren wir auch:


  • gegen die Entmündigung durch autoritäre Herrschaftsweisen,
  • gegen Entwurzelung und Entrechtung von Menschen, die als objektive Sachzwänge ausgegeben werden,
  • gegen die Forderung nach unbeschränkter Mobilität im Beruf auf Kosten von Familie und Beheimatung,
  • gegen unbegrenzte Freiheit wissenschaftlicher Forschung, etwa beim Experimentieren mit Stammzellen und der Manipulation menschlichen Erbgutes.

II: Protestantismus heißt Verteidigung der Einzelnen


Jesus Christus, den wir als Heiland der Welt bekennen, hat die einzelnen Menschen wichtig genommen. Er hat dem einzelnen, in Schuld verstrickten Menschen, die Vergebung zugesprochen und ihn die bedingungslose Liebe Gottes erfahren lassen. Aber der Respekt vor der einzelnen Person wird durch uns selbst und durch andere immer wieder in Frage gestellt. Als Protestantinnen und Protestanten betonen wir: Jesus Christus ist der Anwalt und Helfer für die Einzelnen.

    Darum treten wir u.a. ein:


  • für die von Gott gegebene Würde des Menschen, die unantastbar ist,
  • für eine Kirche als Gemeinschaft, in der die Gaben jedes und jeder Einzelnen sich entfalten können,
  • für das hohe Gut individueller Glaubensweisen, die in der gemeinsamen Bindung an Gottes Wort in Jesus Christus gründen,
  • für die Gleichstellung von Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft.
    Darum protestieren wir auch:


  • gegen ein Verständnis von Kirche, als könne ein unfehlbares Lehramt über den Glauben urteilen,
  • gegen die Entmündigung des persönlichen Glaubens durch kollektive Kräfte des Staates und der Gesellschaft,
  • gegen die Verwechslung von Individualität und egoistischer Willkür,
  • gegen die Unterdrückung der Menschen u.a. durch unmenschliche Arbeitsbedingungen und einen zerstörerischen Sozialabbau.

III: Protestantismus heißt Mut zur Zeitgenossenschaft


Der Heilige Geist gibt uns Mut, für einen zeitgemäßen und zeitgenössischen Glauben einzutreten: einen Glauben, der auf die Probleme der Zeit eingeht, die Sprache der Menschen spricht und sie gewinnen will. Aber diese Bemühung darf nicht in der Anpassung an den Zeitgeist aufgehen. Als Protestantinnen und Protestanten betonen wir: Die Verwurzelung im Evangelium ist unaufgebbar. Der Heilige Geist ist die Kraft der Erinnerung und der Impulse für Morgen. Er gibt die Geistes-Gegenwart für unser Leben.
    Darum treten wir u.a. ein:


  • für eine Kirche, die mutig in der Öffentlichkeit Zeugnis ablegt,
  • für einen Protestantismus im Werden, wandlungsfähig und reformbereit, vorläufig im Hinblick auf das kommende Reich Gottes,
  • für immer neue kritische Durcharbeitung von Traditionen,
  • für eine wechselseitig Befragung von Glaube und zeitgenössischem Leben.
    Darum protestieren wir auch:


  • gegen eine nur mit sich selbst beschäftigte und selbstgerechte Kirche,
  • gegen das Auseinanderbrechen der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer,
  • gegen eine Globalisierung auf Kosten der Schwachen,
  • gegen das Diktat der Gewinnmaximierung zu Lasten der Schöpfung.

(von: http://www.presbyteriumswahlen-pfalz.de)




  www.ekd.de - Die Protestation zu Speyer von 1529 - "Geburtsstunde des Protestantismus"